“Glücklich oder unglücklich nennen kann, das hängt in meinem Fall tatsächlich an dem Blickwinkel“

Franziska, Regensburg März 2020



Ob man diese Tage, in den Zeiten des Coronavirus, glücklich oder unglücklich nennen kann, das hängt in meinem Fall tatsächlich an dem Blickwinkel, indem ich meine Zeit geradewohl betrachte. Einerseits führt mich der plötzliche Umbruch der Ausgangssperre dazu, dass ich in vielen Sachen umdisponieren muss, die ohnehin noch ohne Unterbrechung gänzlich in der Luft hingen. So habe ich am 1. März 2020 meine neue Arbeitsstelle angetreten – etwa 1,5 Stunden von meinem Zuhause entfernt. Mein Umzug in die Wohnung sollte einen Monat später stattfinden, also am 01. April. Man kann sich wohl vorstellen, dass das mit der Ausgangsbeschränkung, die bei uns in Bayern gilt, nicht mehr möglich ist, so ist der Umzug momentan noch in den Sternen geschrieben. Die Kurzarbeit hat mich ebenso eingeholt und macht die Einarbeitung in meiner neuen Arbeit erschwert bis gar nicht möglich. Meine Familie habe ich jetzt seit etwa 2 Monaten nicht mehr gesehen und das wird wohl bis nach meinem Umzug so bleiben. Im Grunde bin ich abgekapselt von Allem und Jedem. Einkaufen gehe ich dann, wenn ich muss. Und morgens zum Bäcker. Zudem ist die Thematik in aller Munde und ich tue mich regelrecht schwer ihr auszuweichen. Obwohl die Information um jeder Verschlimmerung mir keinen Mehrwert bringt, ist es doch nahezu unmöglich diesen Nachrichten zu entkommen. Ob beim Gespräch im Büro oder beim seltenen Einkaufen, überall geht es um Corona – dem Virus unserer Zeit. 

Die andere Seite der Medaille beginnt aber damit, dass ich vorübergehend bei einer Freundin untergekommen bin, die in der Nähe meiner angetretenen Arbeitsstelle lebt. Sie wohnt unweit meiner zukünftigen Wohnung – was an sich ein doppelter Bonus ist. Es ist ein kleines Dorf außerhalb einer kleinen Stadt. Es gibt viel Natur und noch mehr Wälder – und Funklöcher. Unser Zusammenleben ist geprägt von guten Gesprächen und weitgehender Ruhe. Wir kochen zusammen, essen leckere Sachen und probieren die unterschiedlichsten Rezepte.  Ich komme zur Ruhe. Ein seltenes Gefühl in diesen Zeiten. Eins, dass ich so schnell nicht erwartet habe an einem fremden Ort. Die Kurzarbeit, die erstmalig ein kleiner Schreck war, lässt sich mit Homeoffice und einer gehörigen Portion Gelassenheit regelrecht genießen. Mit so viel Glück – das denke ich mir oft – bin ich wohl in dieser Zeit wirklich gesegnet. Aber nicht nur ich selbst. 

Mein morgendliches Ritual besteht darin, sich bei der Bäckerei vor meiner Arbeitsstelle morgens einen Kaffee zu holen. Meist decke ich mich für den Tag ein, kaufe vielleicht ein Croissant oder ein Plätzchen. Es war der Tag nach der offiziellen Verkündung der Ausgangssperre und ich erwartete nervösen Mitarbeiter und noch nervöseren Kunden zu begegnen. Die Bäckerei war jedoch nahezu leer. Es standen zwei Menschen vor mir und ich bemerkte, dass sich die Stimmung tatsächlich verändert hatte – doch zum Gegenteil des Erwarteten. Die Verkäuferinnen lächelten freundlich und mich überkam Dankbarkeit für diese normale Geste. Ein Kunde verabschiedete sich mit einem herzlichen lachen „Bleiben Sie gesund!“ Diese Freundlichkeit wurde erwidert. Ich bemerkte am Boden die markierten Stellen – Mindestabstand zum Schutz der Mitarbeiter. Sie hätten bedrohlich wirken können, doch das taten sie nicht. Ein weiterer Kunde vertiefte sich in ein Gespräch mit der Verkäuferin der Bäckerei – und sie sprachen natürlich über Corona – doch anders als erwartet, lächelte auch dieser und bedankte sich beim Hinausgehen mit einem Gesundheitswunsch. Ich war berührt und ermuntert zugleich, denn ich war froh, dass ich trotz der Ausgangsbeschränkung meinem morgendlichen Ritual trotzdem folgen konnte und Kaffee holen konnte. „Danke, dass Sie die Stellung halten.“ lächelte ich und freute mich über den folgenden Bericht der Verkäuferin. Sie erzählte, dass alle Menschen freundlicher waren, sich mehr Zeit ließen beim Einkaufen und tatsächlich auch die Gespräche genossen. Ja fast sei die Arbeit heute in dieser Krisenzeit schöner, als zu normalen Zeiten. Auch ich verabschiedete mich mit einem Gesundheitswunsch.

Ja – ich werde wohl umdisponieren müssen. Ja – es wird auch einige Unannehmlichkeiten geben, die auf mich zukommen werden in der nächsten Zeit. Ich werde weiter meine Familie nicht sehen können. Aber ich bin gelassen. Denn obwohl sich vieles verändert – so haben die Menschen doch mehr Zeit. Mehr Zeit um freundlich zu sein.